Prolog: WARTEZEIT Mein Leben vor und nach der Transplantation

Bitte warten…! Haben wir das nicht schon alle irgendwann erlebt? Jeder Mensch reagiert auf diese zwei Worte anders. Der eine haut auf den Tisch und will nicht warten und alles sofort erledigt haben. Dem nächsten Wartenden an der Bushaltestelle wird die Zeit zu lang  und er läuft viel zu früh weg und verpasst dann doch den Bus, weil dieser kurz danach ankommt und ohne ihn losfährt. Der Andere sitzt geduldig und stumm da und wartet eben. Innerlich vielleicht kochend. Und wieder ein Anderer beschäftigt sich während der Wartezeit, bereitet sich auf das Kommende vor und merkt gar nicht, wie schnell oder  wie langsam die Zeit vergeht und plötzlich – hat das Warten ein Ende.

Wie bei meiner Geschichte alles begann mit meiner chronischen Erkrankung COPD und Lungenemphysem möchte ich in diesem Buch schildern. Mit allen Höhen und Tiefen. Es sollen  Einblicke in mein privates Innere gezeigt werden, ich beschreibe die Menschen auf meinem Weg aus den Kliniken, Arztpraxen, Physiotherapien, Lungensport, Selbsthilfegruppe, Kirche, Familie, Freunde und Nachbarn. Eben das gesamte soziale Umfeld. Was ich in dieser Zeit alles erlebte und verkraften musste, es wundert mich heute noch, wie ich das alles geschafft habe.

Es begann 1985 mit einem heftigen Atemnotsanfall an einem Sonntag früh um 6 Uhr morgens. Im Ärztehaus sagte der diensthabende Arzt, nach meiner Schilderung wie alles abgelaufen ist: „Gute Frau, das war ein Asthmaanfall!“ Der Schock fuhr mir in die Glieder und ich hörte kaum noch zu, alles verschwamm vor meinen Augen und es dröhnte in meinen Ohren als wäre ich unter Wasser.

Wie ein Flashback erschien mir mein Vater vor dem geistigen Auge und ich zuckte zusammen. Wenn ich nun auch so krank werden würde wie er, schoss es mir durch den Kopf.  Ich bekam eine fürchterliche Angst und fuhr mit zitternden Knien nach Hause. Die Familie lag noch im Bett und alle schliefen friedlich. Sollte ich meiner Tochter oder meinem Mann davon erzählen?  Ich traute mich nicht, denn ich hatte ja „selbst Schuld“, wieso habe ich auch angefangen zu rauchen?  Ich hörte schon die Vorwürfe.

Als Kind und Jugendliche habe ich meinen Vater erlebt, der sehr schwer Lungenkrank war. Damals nannte man das Herzasthma. Er hatte auch geraucht wie ein Weltmeister, seinen 18. Geburtstag hat er an der Front kurz vor Moskau „gefeiert“. Er wurde schwer verwundet an den Unterarmen und bekam dort Gänsehaut transplantiert. Jedenfalls hat er uns das immer so an geschnackt, auf Deutsch: aufgeschwätzt. Es sah ja auch so aus wie Gänsehaut. Das hatte wohl funktioniert, so glaubten wir Kinder immer. Es gab nichts zu essen damals, aber der Soldat an der Front rauchte, alles was man so rauchen konnte. Blätter vom Kartoffelacker zum Beispiel. Vaters Nikotinsucht sollte erst ein Ende nehmen, als er einfach kaum noch atmen konnte vor lauter Husten. Da war für ihn das aufhören mit Rauchen viel zu spät! Ein paar Monate später starb er elendig alleine im Krankenhaus in Bremen. Blitzeblau angelaufen lag zusammengekrümmt vor der Toilette im Flur. Er hatte sich aus dem Bett mit Sauerstoffzelt herausgequält, weil er die Nachtschwester nicht belästigen wollte. Ich war gerade 16 und mitten in meiner Ausbildung als Bürokauffrau, als mein Vater nach jahrelangem Kampf mit der Atemnot und dem Husten für immer die Augen schloss. Damals habe ich mir geschworen, niemals mit dem Rauchen anzufangen. Wie es dann doch dazu kam, schildere ich hier im Buch.

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Über wartezeitblog

Barbara Eyrich wurde 1949 in Bremen geboren und lebt heute in Mörfelden-Walldorf, Nähe Flughafen Frankfurt/Main. Sie ist geschieden und hat eine Tochter, die mit Ehemann und Sohn in Rodgau lebt und seit 2010 schriftstellerisch tätig ist. Vor der Transplantation war Barbara Eyrich als Immobilienmaklerin selbständig in Frankfurter Büros, Mörfelden-Walldorf und als Inhaberin eines eigenen Büros in Dreieich-Sprendlingen tätig. Durch verschiedene Nebentätigkeiten konnte sie sich über „Wasser“ halten. Sie engagierte sich für die Selbsthilfe und leitete von 2005 - 2012 zwei Selbsthilfegruppen und gründete 2007 auch eine Lungensportgruppe im Bereich Lungenemphysem-COPD. Nach der Transplantation hat sie sich von diesen Aufgaben zurückgezogen um sich ganz auf die Rehabilitation zu konzentrieren. Die Website der Autorin: http://wartezeitbog.wordpress.com Die Autorin im Internet: https://www.facebook.com/barbara.eyrich *** Juni 2013 Copyright © der Originalausgabe Barbara Eyrich | Mörfelden-Walldorf | barbara.eyrich@googlemail.com Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden. Titelbildgestaltung: Claus-Gregor Pagel
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